SERIE: SACHSENS HELLE KÖPFE - Ein Schwabe wirbt für das Erzgebirge

Brauereichef war der Traumberuf von Michael Eßlinger. In der Bergstadt Freiberg hat ihn sich der gebürtige Schwabe erfüllt.
<font size="2">VON RAMONA NAGEL</font>
<font size="2">FREIBERG </font><font size="2">- Bier ist eine seiner Leidenschaften. Und dabei das Freiberger ganz besonders. Beim Thema Bier gerät Michael Eßlinger</font> <font size="2">unweigerlich ins Schwärmen. "Pils ist gut gegen den Durst, Export gibt Kraft, Bock trinkt sich gut in der kalten Jahreszeit und Bergbier</font> <font size="2">ist etwas für besondere Anlässe", sagt der Sprecher der Geschäftsführung des Freiberger Brauhauses. "Bier ist zudem das einzige</font> <font size="2">Getränk mit einem stabilen Schaum." Täglich hat er den typischen herb-malzigen Geruch um sich, er durchströmt das Freiberger</font> <font size="2">Brauhaus vom Eingang bis in jedes Büro.</font>
<font size="2"><br> Dass Eßlinger einmal in dieser Branche arbeiten wird, steht für den gebürtigen Schwaben schon frühzeitig fest. Zwar schreibt und</font> <font size="2">fotografiert der gebürtige Heidenheimer (an der Prenz) schon als Schüler für die regionale Presse. Das ist auch sehr interessant und</font> <font size="2">abwechslungsreich. Den Lebensunterhalt damit zu verdienen kann er sich jedoch nicht vorstellen. Und deshalb lehnt er das angebotene</font> <font size="2">Volontariat ab. Er hat einen anderen Lebensweg fest im Visier.</font>
<font size="2"><br> Seine ersten Versuche in der Getränkeherstellung bringt er mit einem großen Garten mit vielen Obstbäumen in Verbindung. Aus den</font> <font size="2">Äpfeln wurde Wein, aus den Zwetschgen Schnaps gemacht - "Ich wollte genau wissen, wie das funktioniert", erinnert sich Eßlinger und</font> <font size="2">blickt dabei schelmisch in die Runde. Er pflegt einen trockenen Humor. Nach dem Gymnasium und dem Bund studiert er Brauwesen und</font> <font size="2">Getränketechnologie in Weihenstephan, einem Ableger der Technischen Universität München. Die gleich anschließende Promotion war</font> <font size="2">zwar nicht geplant, habe sich aber ergeben. Mit dem frischen Wissen und einem Doktortitel tritt Eßlinger 1985 seinen ersten Job als</font> <font size="2">Laborleiter bei der Mannheimer Eichbaum Brauerei an. Er muss sich dabei zunächst sehr umstellen: "Keiner wird als Chef geboren, wie</font> <font size="2">viele andere damals und heute musste ich das erst lernen."</font>
<font size="2"><br> Offenbar hat er sehr schnell gelernt. Denn kurze Zeit später, die Berliner Mauer war gerade gefallen, erhält er von Eichbaum das</font> <font size="2">Angebot, nach Sachsen zu gehen und Betriebsleiter bei dem von Eichbaum übernommenen Freiberger Brauhaus zu werden. Der Betrieb</font> <font size="2">hat eine lange Tradition. Denn das Freiberger Brauhaus braute 1863 als erste Brauerei in Sachsen unter der Bezeichnung "Freiberger</font> <font size="2">Böhmisch" ein Bier nach Pilsner Art. Sie firmiert 1898 zur "Bürgerlichen Brauhaus Freiberg AG" um, einer der ersten</font> <font size="2">Aktiengesellschaften Deutschlands. Der Betrieb befindet sich traditionell damals noch mitten in der Stadt an einer viel befahrenen</font> <font size="2">Bundesstraße - logistisch und kostentechnisch absolut nicht haltbar. Mit dem Versprechen seines Arbeitgebers für ein neues Brauhaus</font> <font size="2">nimmt der Schwabe das Abenteuer Sachsen an.</font>
<font size="2"><br> Nach dreieinhalb Jahren wöchentlichen Fahrten zwischen dem neuen Arbeitsort und der Familie in Brühl ziehen Eßlingers in ein neu</font> <font size="2">gebautes Haus in Freiberg. "Es war der Wunsch meiner Frau, nicht auf dem Land, sondern direkt und zentrumsnah in Freiberg zu</font> <font size="2">wohnen", sagt der Brauereichef. Das zahlt sich aus. Für den Arbeitsweg wird nicht nur das Auto, sondern auch das Fahrrad genutzt.</font> <font size="2">Und in wenigen Minuten zu Fuß ist man im Zentrum. Eine Lebensqualität, die heute nicht mehr selbstverständlich ist.</font>
<font size="2"><br> </font><font size="2">"Hier sind Firmen entstanden mit richtigen Innovationsknallern."</font>
<font size="2"><br> </font><font size="2">Michael Eßlinger Manager</font>
<font size="2"><br> Michael Eßlinger fühlt sich wohl in seiner neuen Heimat. Die Sachsen sind ein angenehmes Völkchen, die Mitarbeiter sehr motiviert.</font> <font size="2">Keine eingefahrenen Strukturen wie in der Mannheimer Brauerei. "Hier konnte man Trends setzen. Und vieles ging damals ganz schnell</font> <font size="2">und unkompliziert", meint Eßlinger. Wie der Bau des neuen Brauhauses. Es entsteht 1994/95 ebenfalls an der Bundesstraße 101,</font> <font size="2">allerdings am Stadtrand. "Die Genehmigung ging durch wie Butter", erinnert sich Eßlinger. "Heute ist die Bürokratie viel zäher."</font>
<font size="2"><br> Doch die Inbetriebnahme fällt nicht gerade in ein rosiges wirtschaftliches Umfeld. "Es war ein schwieriges Jahr und wir haben uns</font> <font size="2">gefragt, wie wir das ändern können", erinnert sich der Brauhaus-Chef. Die Lösung heißt Gunter Emmerlich. Der bekannte Opernsänger</font> <font size="2">und Entertainer mit der sonoren Stimme aus der Landeshauptstadt wirbt fortan für das Freiberger Bier. Und das Unternehmen nutzt</font> <font size="2">damit einen noch sehr jungen Trend in der deutschen Konsumgüterindustrie, sogenannte Testemonials - Werbung mit VIPs. Das</font> <font size="2">Konzept geht auf. 2004 löst die Leipziger Band "Die Prinzen" Gunter Emmerlich ab und steht damit auch für eine jüngere Zielgruppe.</font>
<font size="2"><br> Das Geschäft ist nicht einfacher geworden. Die demografische Entwicklung, das Rauchverbot in Gaststätten und die frühzeitige</font> <font size="2">Gewöhnung der Kleinkinder an süßen Geschmack machen es den Bierbrauern nicht einfach. Bundesweit sinkt seit Jahren der Ausstoß in</font> <font size="2">der Branche. Das Freiberger Brauhaus hat sich demgegenüber gegen den Trend entwickelt. Im vergangenen Jahr betrug der Ausstoß</font> <font size="2">des 150-Mann-Unternehmens&nbsp;800.000 Hektoliter, für 2011 visiert das Freiberger Team drei Prozent mehr an. Nach einer relativ kurzen Zeit unter dem Actris-</font><font size="2">Konzern gehört das Freiberger Brauhaus seit 2006 zum Radeberger-Konzern.</font>
<font size="2"><br> Michael Eßlinger ist mittlerweile nicht nur Wahl-Sachse. "Er ist durch und durch ein Freiberger geworden und hier sehr stark</font> <font size="2">verwurzelt", sagen seine Mitarbeiter über ihn. Seit 2005 ist er Honorar-Professor an der Technischen Universität Bergakademie</font> <font size="2">Freiberg. Er vermittelt in dem Wahlfach für Verfahrenstechniker nicht nur Theorie. Auf der ehemaligen Grube Reiche Zeche gibt es eine</font> <font size="2">"Hexenküche". Hier wird mit den Studenten experimentiert, unter anderem auch für das erst kürzlich auf den Markt gekommene</font> <font size="2">Freiberger Alkoholfrei.</font>
<font size="2"><br> Der aktive Freizeit-Läufer engagiert sich zudem im Industrieverein Sachen und ist neuerdings auch Botschafter des Erzgebirges: "Es ist</font> <font size="2">ein Zeichen meiner Verbundenheit mit der Region, das Erzgebirge ist lebens- und liebenswert. Hier sind Firmen entstanden mit</font> <font size="2">richtigen Innovationsknallern." Mindestens einmal in der Woche ist der Brauhaus-Chef in Laufkleidung in Freiberg unterwegs. "Ich laufe,</font> <font size="2">so oft es geht, aber mindestens einmal wöchentlich."</font>
<font size="2"><br> Zwei Mal ist er auch den Oberelbe-Marathon gelaufen und gemeinsam mit seiner Frau zwei Mal den Berlin-Marathon. "Man muss sich</font> <font size="2">ab und an beweisen, dass man Kraft, Ausdauer und Disziplin hat", schmunzelt er.</font>
<font size="2"><br> Michael Eßlinger ist nicht der Mann großer Worte. Für ihn zählen traditionelle Werte und Ergebnisse. Sein Motto: Man muss aus jeder</font> <font size="2">Situation etwas machen, vorwärtsschauen und Probleme lösen.<br> <br> <br> </font><font size="2">Quelle: Freie Presse, Ausgabe Annaberger Zeitung, 03.09.2011</font>