Wettlauf um den Welterbe-Titel

Frühestens 2014 wird die Unesco über den Antrag der Montanregion Erzgebirge als Weltkulturerbe entscheiden. Doch schon jetzt gibt es in Sachsen einen Ansturm auf die nächste Warteliste.
<font size="2">VON GABI THIEME</font>
<font size="2">CHEMNITZ/DRESDEN</font><font size="2"> - Zehn Natur-, Kultur- und Baudenkmäler aus Sachsen wollen Welterbestätte der Unesco werden. Bis 31.</font> <font size="2">Januar müssen entsprechende Anträge beim Innenministerium eingereicht und begründet sein. Der Freistaat kann, wie alle anderen</font> <font size="2">Bundesländer auch, bis Herbst der Kultusministerkonferenz der Länder zwei Vorschläge unterbreiten, welche Stätten aus seiner Sicht</font> <font size="2">diesen hohen Staus verdienen. Auch wenn es bis dahin dann noch ein weiter Weg ist.</font>
<font size="2"><br> Bis Ende Juni würden alle Anträge aus dem Freistaat durch eine Expertenkommission begutachtet und dieses Votum der Regierung zur</font> <font size="2">Entscheidung vorgelegt, erläuterte der Sprecher des Innenministeriums Frank Wend das aus seiner Sicht "äußerst transparente</font> <font size="2">Verfahren". In der Kommission sollen Experten aus Ministerien, Verbänden, Landratsämtern und dem Internationalen Rat für</font> <font size="2">Denkmalpflege Icomos untersuchen, welche Erfolgsaussichten die einzelnen Vorschläge haben. Außerdem geht es um die Frage, welche</font> <font size="2">Auswirkungen der Titel zum Beispiel auf die wirtschaftliche Entwicklung der jeweiligen Region haben könnte. Wichtige Prämissen für</font> <font size="2">eine Nominierung sind die "Echtheit und Unversehrtheit" des Objekts sowie sein außergewöhnlicher universeller Wert. Nicht mehr als</font> <font size="2">zehn A-4-Seiten darf die Bewerbung umfassen, keine Fotos, keine Grafiken.</font>
<font size="2"><br> </font><font size="2">Eine große Bandbreite</font>
<font size="2"><br> Da die Unesco jährlich entscheidet, welche Objekte neu als Kultur- und Naturerbe der Welt ausgewiesen werden, existieren in den</font> <font size="2">Ländern sogenannte Tentativlisten. Diese deutsche Vorschlagsliste ist voraussichtlich 2016 nach rund 20 Jahren abgearbeitet. Deshalb</font> <font size="2">soll jetzt eine neue erstellt werden. "Diese Liste wird bis 2030 gültig sein und jedes Jahr für die Entscheidung der Welterbekommission</font> <font size="2">herangezogen", erläuterte Ministeriumssprecher Wend. Die Montanregion Erzgebirge beispielsweise steht bereits seit 1998 auf dieser</font> <font size="2">deutschen Warteliste, mittlerweile auf Platz zwei. Voraussetzung für eine Nominierung ist, dass eine Stätte mindestens ein Jahr auf der</font> <font size="2">Vorschlagsliste des betreffenden Staates ausgeharrt haben muss. Über die Reihenfolge der Nominierung entscheidet ebenfalls die</font> <font size="2">Kultusministerkonferenz.</font>
<font size="2"><br> Hoffnung auf den Sprung in die sächsische Tentativliste machen sich in der Region der Versteinerte Wald von Chemnitz, das</font> <font size="2">westsächsische Industriemuseum Crimmitschau und der vogtländische Schneckenstein mit seinen Topasvorkommen. Wie der Leiter des</font> <font size="2">Chemnitzer Naturkundemuseums, Ronny Rößler, sagte, halte er den 291 Millionen Jahre alten fossilen Schatz schon wegen seiner</font> <font size="2">Einmaligkeit für welterbewürdig. Die Idee für die Bewerbung sei 2003 im Freundeskreis des Museums geboren worden. Und schon als</font> <font size="2">er 2002 auf einer Fachtagung in Athen war, sei er darauf angesprochen worden, warum Chemnitz nicht mehr aus seinem Wald mache.</font> <font size="2">Inzwischen hat die Oberbürgermeisterin ihre Unterschrift unter den Bewerbungsantrag gesetzt.</font>
<font size="2"><br> </font><font size="2">Alle schielen auf Fördermittel</font>
<font size="2"><br> In Crimmitschau hat sich Stadtchef Holm Günther (parteilos) bereits als Befürworter bekannt. Einreichen wird den Antrag der</font> <font size="2">Zweckverband sächsisches Industriemuseum, dessen Vorsitzender er ist und zu dem die ehemalige Textilfabrik Pfau gehört. Am 2.</font> <font size="2">Januar habe es ein Gespräch mit der Geschäftsführerin des Zweckverbandes und dem Landrat gegeben, um alle Aspekte rund um die</font> <font size="2">Bewerbung zu erörtern. Günther ist sich durchaus bewusst, dass es unter den 33 Weltkultur- und drei Naturerbestätten in Deutschland</font> <font size="2">bereits vier mit industriellem Charakter gibt. Allerdings ist die Textilfabrik derzeit der einzige Industrie-Anwärter für die neue</font> <font size="2">Warteliste.</font>
<font size="2"><br> Der Stadtchef sieht in dem Prädikat nicht nur eine Auszeichnung von höchstem Rang. Es könne zugleich den Weg für weitere</font> <font size="2">Fördertöpfe öffnen. Er verweist auf das Welterbeprogramm des Bundes, wo von 2009 bis 2014 Millionenbeträge in solche Stätten</font> <font size="2">geflossen sein werden. Die Bundesregierung hatte 2009 im Rahmen des ersten Konjunkturpakets 150 Millionen Euro für Investitionen</font> <font size="2">in deutsche Unesco-Welterbestätten bereitgestellt. 32 Welterbestätten profitierten davon. Wegen der enormen Resonanz wurde das</font> <font size="2">Förderprogramm für die Jahre 2010 bis 2014 erweitert: um 70 Millionen Euro pro Jahr. 2010 wurden 26 Stätten gefördert.</font>
<font size="2"><br> Die Geschäftsführerin des Zweckverbandes Industriemuseum, Andrea Riedel, glaubt an eine Chance von 50 zu 50, einen der beiden</font> <font size="2">Plätze auf der Vorschlagsliste zu ergattern. Dafür spricht die Einmaligkeit der Fabrik als geschlossenes System der textilen Produktion</font> <font size="2">von der Anlieferung der Wolle bis zum fertigen Produkt. Dagegen spricht, dass mit der Montanregion Erzgebirge bereits ein industrieller</font> <font size="2">Standort auf der aktuellen Vorschlagsliste steht.<br> <br> <br> </font><font size="2">Quelle: Freie Presse, Ausgabe Annaberger Zeitung, 19.01.2012</font>